Warum annehmen können ein Segen ist:

Es klingelt an der Tür. Ich öffne. Draußen steht ein Postbote mit einem großen Paket. Für mich. Auf dem Paket steht: „Beziehungskonflikt mit Angela – Chance zum persönlichen Wachsen“. Ich knalle die Tür wieder zu. Annahme verweigert! Der Postbote draußen tritt lächelnd einen Schritt zurück und reiht sich ein in eine Schlange anderer wartender Boten. Ich kenne die Argumente der Postboten schon gut: „Wir liefern nur auf Bestellung. Es ist also ganz sicher für Sie.“ Nur kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, dieses oder die anderen Pakete bestellt zu haben. Nein, wirklich nicht! Da sind noch die Pakete „Krankheit aus Unachtsamkeit mit Dir selbst“, „Ungerechter Chef zum Üben von gesunder Abgrenzung“ und „Schulden auf dem Konto zum Erkennen, wie Du Fülle kreieren kannst“ und einige mehr, weiter hinten. Die geduldig darauf warten, dass ich sie entgegennehme. Mein Herz klopft wie wild und meine Gedanken rasen. In meinem Bauch sammelt sich Wut. Voller Empörung über diese Paket-Sendungen des Lebens fluche ich vor mich hin. „Warum immer ich?“ jammere ich. „Andere Menschen bekommen solche schweren Pakete nicht. Die haben ein so viel leichteres Leben! Sind nie krank, immer gut gelaunt und reich! Der Konflikt mitAngela deutete sich in den letzten Wochen zwar schon an, doch es ist ja wohl sonnenklar, dass sie daran die Hauptschuld trägt! Wie kommt sie auch dazu, sich so unmöglich zu benehmen, meine Grenzen zu verletzen und mir so weh zu tun? Was soll das mit mir zu tun haben? Nein, nein, liebes Leben, ich habe damit nichts zu tun. Auch die anderen Situationen sind mir doch ganz zufällig widerfahren. Okay, bei dem einen oder anderen habe ich auch einen Anteil am Misslingen einer Situation. Doch im Prinzip weiß ich ziemlich sicher, dass das Leben einfach ungerecht zu mir ist und mich einfach nicht liebt. Ich bin das Opfer der Umstände! Im Moment ist es Angela, die mir das Leben so schwer macht, mit ihrem Vorwurf, ich wäre unehrlich und immer so unaufmerksam. Dabei gebe ich mir alle Mühe, sie wenigstens einmal im Monat anzurufen und nett mit ihr zu plaudern. Selbst wenn es mir auf den Geist geht, mir zum hundertsten Mal anzuhören, wie wunderbar ihre Beziehung läuft, während meine eher so dahindümpelt. Und mein Chef, na ja… ich denke lieber nicht weiter darüber nach. Wie soll ich den ändern, bitte schön? ER sollte sich ändern, mal ein nettes Wort verlieren über meine Arbeit oder mir eine Gehaltserhöhung geben, schließlich bin ich schon 4 Jahre in dieser Firma!“

 

Ich luge aus dem Fenster. Die Postboten stehen immer noch da, geduldig, lächelnd, ganz und gar nicht verdrießlich. Hartnäckig, einfach wartend, bis ich bereit bin. Bereit wofür? Ich lasse mich mit dem Rücken an der Wand zum Boden gleiten, schlinge meine Arme um meine Beine und lege meinen Kopf auf die Knie. Irgendwas ist heute anders als sonst, als meine Empörung und mein Ärger oft tagelang angehalten haben. Warum gehen sie nicht einfach weg? Wieso stehen sie da, schon so lange und geben nicht auf? Geben mich nicht auf? Könnte es sein, ja, könnte es vielleicht…, nur ganz vielleicht sein, dass die Postboten des Lebens um meinetwillen ausharren? Dass sie da stehen in Schnee und Eis, in Hitze und Trockenheit, im Regen und bei Graupel – aus INTERESSE an mir und meinem Leben? Zugegeben, die Pakete sehen äußerlich aus wie normale Pakete eben, nicht besonders einladend aber auch nicht abstoßend. Den Inhalt stelle ich mir jedoch schmerzhaft vor, anstrengend. Als ob dort Wahrheiten verborgen sind, die ich nicht sehen will. Manchmal kann ich mich nämlich selbst nicht leiden, dann verhalte ich mich fies oder spöttisch zu anderen. Oder kaufe viel zu viel ein, obwohl ich weiß, die Hälfte der gekauften Sachen ziehe ich höchstens einmal an. Oder ich werde gemein zu meinen Freunden, wenn mein Chef mir tagsüber mal wieder zugesetzt hat. Nur – Schwächen hat doch jeder, aber die auch noch in einem Paket zugesandt zu bekommen, auspacken zu müssen? Das soll ich mir antun? Nur wird es langsam echt voll da draußen, ich komme kaum noch aus der Tür, irgendwie fühlt sich alles so verstopft an. Das macht mich unzufrieden und nervt einfach!

Auf einmal schnellt mein Kopf in die Höhe und ich bin wie elektrisiert: Pakete sind doch auch eine Art Geschenke, oder? Etwas, was man auspackt, ohne vorher genau zu wissen, was drin ist. Was man sich anschaut, bewundert, überrascht ist, worüber man sich freut. Wow! So hatte ich das ja noch nie gesehen. Könnte es sein, das unter dem Unangenehmen noch mehr ist? Das nur die erste Schicht, das Verpackungsmaterial sozusagen, schmerzliche Erkenntnisse bereit hält? Das darunter aber vielleicht etwas Schönes wartet? Vielleicht eine neue Idee? Eine Lösung? Ein Trostkissen? Oder ein Zauberstab zur Verwandlung? Dann wäre es dumm von mir, die Pakete draußen warten zu lassen! Ich spüre Neugier in mir erwachen, eine ganz neue Kraft, auch Abenteuerlust und Mut. Soll ich es wagen? Soll ich wirklich eines der Pakete annehmen, zu mir hereinnehmen? Das Paketband vorsichtig lösen, die Pappseiten auseinanderbiegen und hinein lugen? Was, wenn es mehr weh tut, als ich denke? Als ich aushalte? Wenn mein Herz bricht beim Anblick dessen, was ich manchmal so alles verbocke in meinem Alltag? Wenn ich die Wahrheit über mich erkenne? Ich zögere wieder, spüre in mich hinein. Was sagt die Abenteuerlust? „Gehe das Risiko ein! Ohne Einsatz kein Gewinn. Du kannst vorsichtig vorgehen und Du wirst erfahren, dass die Wahrheit zwar schmerzen kann, aber auch trägt und etwas in Dir befreit!“ Nun denn, so soll es sein. Zögernd erhebe ich mich, gehe zur Tür. Atme tief durch, mehrmals. Fasse die Klinke und drücke sie herab. Ich öffne die Tür, nur einen Spaltbreit. Da stehen sie immer noch alle, freundlich lächelnd, ihr Paket in der Hand. Welches möchte ich nehmen? Ich beginne mit dem heute gelieferten: Konflikt mit Angela. Ich bitte den Postboten zu mir herein und nehme das Paket in Empfang. Bitte ihn, noch bei mir zu bleiben. Ich will jetzt nicht allein sein. Mein Herz flattert, in mir ist Chaos und Ruhe zugleich. Hektische Gedanken schießen durch meinen Kopf „Was machst Du denn da?“, „Herr Gott noch mal, Du bist nicht ganz bei Trost!“, „Los, mach’ es schon auf!“. Ich hole ein spitzes Messer und löse vorsichtig die Verschnürung. Atme nochmals tief durch und öffne das Paket. Ich schaue hinein und auf einmal geschieht etwas mit mir – ich falle wie in Trance. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich auf einmal in unserem Lieblingscafé sitzen, Angela mir gegenüber. Sie umklammert mit ihren Händen ihren Capuccino, schaut nach unten, spricht leise. Ich höre sie nochmals sagen „Weißt Du, das fällt mir auch nicht gerade leicht, aber ich muss Dir das jetzt mal sagen. Mir geht es einfach nicht mehr gut, so wie es ist. Bei unseren Telefonaten wirkst Du oft gelangweilt, hörst mir gar nicht richtig zu. Und was du sagst, klingt oft verlogen, nur so dahin gesagt, als ob Du mich schnell loswerden willst. Das tut mir weh.“ Autsch! Jetzt durchzuckt der Schmerz wieder meinen Körper. Doch es gelingt mir nicht, ihn abzuwehren. Es gelingt mir nicht mehr, erbost auszusehen, auf Angela ärgerlich zu sein. Ich lasse ihre Worte in mich hineinsacken, tiefer und tiefer. Spüre ihnen nach, spüre dem Schmerz nach. Ist das Annahme? Alles zuzulassen, obwohl es schmerzt? Das Gefühl breitet sich aus, verändert sich, wird zu Traurigkeit. Da ist etwas, wie ein roter Faden. Ich halte mich daran fest. Neue Gedanken tauchen in mir auf. „Sie hat Recht“, denke ich plötzlich. Angela hat Recht, ich FÜHLE es plötzlich. Ich habe mich zurückgezogen, ich höre ihr nur noch halbherzig zu. Doch warum? Der rote Faden führt mich weiter, tiefer, irgendwie mehr in mich hinein. Das Bild vor meinen inneren Augen verändert sich: ich sehe mich und meinen Freund, wie wir auf dem Sofa sitzen, fernsehen. Chips auf dem Couchtisch. Und die Traurigkeit wird immer stärker, taucht wellenartig in mir auf, so tief, droht mich mit sich fortzunehmen. Hilfe! Der rote Faden, wo ist er? Da, da ich spüre ihn, etwas Tragendes, Helfendes. Ich spüre eine Hand in meinem Rücken liegen, warm und stützend. Tränen laufen aus meinen Augen, ich bin verwirrt. Was bewegt mich nur so? „Annahme“, denke ich. „Nimm es einfach an, atme und fühle.“ Wellen von Traurigkeit durchspülen mich, erst stark, dann zunehmend schwächer. Und wieder tauchen neue Gedanken auf, als ob sie aufgeweicht wurden von den Tränen, frei gespült wurden. „Wir sind uns auch fremd geworden, Konrad und ich“, denke ich. „Wir leben nebeneinander her, jeder in seinem Alltag. Oberflächlich ist alles gut, aber was ist mit unserer Liebe passiert? Aus spontanen Umarmungen, einem kurzen Streicheln, einem lieben Wort am Frühstückstisch? Sich einfach in die Augen sehen und fühlen, das wir zueinander gehören?“ Die Tränen laufen jetzt in einem Schwall, begleitet von Schluchzen. Befreiend, lösend, erleichternd. Ich beginne zu verstehen… da ist viel Traurigkeit in mir, die ich nicht wahrhaben wollte, nicht annehmen wollte. Angelas Beziehungsglück war daher zu gefährlich für mich, ich habe mich zurückgezogen von ihr, mich über sie gestellt. Schamgefühle ziehen durch mich hindurch wie Nebelschleier. Ich komme langsam wieder zu mir, spüre immer noch die wohltuende Präsenz des Postboten. Mit gütigen Augen sieht er mich aufmunternd an. Ich schaue erneut in das Paket hinein. Ich sehe ein warmes, weiches Licht, einhüllend, sanft, liebevoll. Es fließt in mich hinein, bringt mir Ruhe und Kraft. Klarheit. Ich weiß jetzt, was zu tun ist. Ich genieße noch ein Weilchen dieses Licht, bis es aufgebraucht ist, ganz in mich hineingeflossen ist. Der Postbote nimmt den leeren Karton, faltet ihn zusammen und geht. Ich begleite ihn zur Tür und hauche ihm bewegt zu: „Danke.“.

 

Silvia Nalina Stüber

2014